Schmerz

Du kommst, wie du willst. Ungefragt. Ungelegen. Unvermittelt bist du da und greifst nach meinem Herzen, nach meiner Seele. Mein Atem stockt. Ich könnte schreien. Was eben noch ging, geht jetzt nicht mehr. Du erzwingst meine Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, die ich dir nicht geben möchte. Weil ich dich nicht will. Weil ich fröhlich und frei und unbelastet leben möchte. Aber was fragst du danach, was ich möchte? Du kommst und forderst.

 

Ich finde dich grausam. Neben dir lässt du nichts und niemanden gelten. Aber was nützt es, dir Vorwürfe zu machen? Warum sollte ich an deine Moral appellieren, wo du keine Moral hast? Du zwingst dich mir auf. Unerbittlich. Okay. Ich werde nachgeben. Weil die Klügere nachgibt. Wird sich das wirklich als klug erweisen? Ich hoffe.

 

So sprich! SPRICH! Was willst du von mir? Warum bist du gekommen und quälst mich?

 

Ich verstehe. Du bist gar nicht gekommen. Du warst immer schon da. Aber ich habe dich nicht wahrgenommen. Ich war in anderen Räumen. Ich hatte den Fuß fest an der Tür, weil ich ungestört arbeiten wollte. Weil ich Pläne schmiedete. Vom Leben und vom Glück. Und weil ich daran zimmerte. Doch dann war ich zu beschäftigt, der Fuß rutsche von der Tür. Sofort erkanntest du deine Chance, drängtest aus der dunklen Ecke und kralltest dich in meinem Herzen fest.

 

Und nun? Ich weiß noch immer nicht, warum du mich nicht in Ruhe lässt. Warum bleibst du nicht, wohin ich dich verbannte? Warum drängst du in mein Leben, greifst nach meinem Herzen? Du machst mir Angst. 

 

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Lange habe ich ausgeharrt, spürte mein Herz in deinem unerbittlichen Griff. Du hast nicht ein bisschen locker gelassen. Furchtbar. Schmerz. Nichts sonst. Aber umgebracht hast du mich auch nicht. Das war meine Angst. Dass ich dich nicht überleben werde. Dass du mich umbringst, mich tötest. Aber siehe da, ich lebe noch. Gott sei Dank! Und mehr noch. Ich hörte Dich. Das Ausharren hat sich gelohnt. Du sagst, dass du da bist, weil du wahr bist. Ja. Ich stimme überein. Du hast Recht. Im Grunde weiß ich es doch. Aber ich wollte nicht hinsehen. Wollte mich dem Furchtbaren nicht stellen. Wusste keinen anderen Weg, als dich, den Schmerz, zu verbannen. Ich war überfordert mit deiner Wucht. Mit deiner Grausamkeit. Jetzt lerne ich auszuhalten. Auszuharren mit dir und deinen Krallen in meinem Herzen. Und ich begreife, dass es irgendwie er-lösend ist, deiner Wahrheit, Schmerz, ins Auge zu schauen. Dich nicht mehr zu verbannen. Sondern zu bleiben. Zu warten und zu erwarten, dass etwas geschieht. Dass du dich wandelst. Dass du mich verwandelst. Dass aus deiner willkürlichen Herrschaft über mich schützende Weggemeinschaft wird.

 

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Der Weg die letzten Wochen mit Dir, Schmerz, waren hart. Du weichst kaum mehr von meiner Seite. Manchmal bringst du mich an den Rand der Verzweiflung. Dich Aushalten-Müssen, ohne etwas Sinnvolles tun zu können, was dich abschalten könnte – es ist schrecklich. Und weil du ein Erbe aus längst vergangenen Jahren bist, ist kaum jemandem zu vermitteln, was und warum ich leide. So gesellen sich Einsamkeit und Überforderung zu dir. Mein kluger Kopf versucht, das alles zu verstehen und einzuordnen und unter seine Kontrolle zu bekommen. Vergeblich. Du, Schmerz, gewinnst immer wieder die Oberhand. Wann wird das ein Ende haben? Gibt es Erlösung? Wirst du deinen eisernen Griff irgendwann lösen?

 

 

Auf einem Spaziergang mit Übelkeit und rumorendem Bauch flehe ich. Zu dir, Schmerz? Zu Engeln? Zu Teufeln? Zu Gott?

HILFE! ERBARMEN! Ich kann nicht mehr. Ich kann so nicht weiterleben. Ich bin am Ende. Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann nicht mehr aushalten. Leise, fast zärtlich höre ich deine Stimme, Schmerz: „Ich bin wahr.“ Und unmerklich, nach einiger Zeit, gesellt sich ein zweiter Satz hinzu: „Die Wahrheit wird euch freimachen.“ Ich kenne diesen Satz. Er steht irgendwo in der Bibel. Bei Johannes. Plötzlich trifft er mich. Mein Schmerz ist Wahrheit. Und: Die Wahrheit wird euch freimachen. Wie in einer mathematischen Gleichung „kürze“ ich „die Wahrheit“ weg. Der neue Satz lautet: „Der Schmerz wird dich freimachen.“ Das Aushalten des Schmerzes, den ich endlich als wahr erkenne und akzeptiere, wird mich freimachen. Da tut sich ein Weg auf. Ein unglaublicher Weg. Ich werde ihn gehen. Oder auf ihm kriechen und schlurfen. Weinend. Schreiend. Aber geduldig und zuversichtlich. Bis ich frei bin.

 

 

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